Folge 01 – Warum dein Radschuh schmerzt
Zu Gast: Jörg Schmidt von Lake Cycling. Wir sprechen darüber, warum rund 85 % aller Radschuhe nicht richtig passen – und was das mit Schmerzen, Taubheit und Kraftverlust zu tun hat. Jörg erklärt, worauf es bei Passform, Leisten und Einlegesohlen wirklich ankommt, und warum der richtige Schuh die Basis für jede gute Sitzposition ist.
Ein Gespräch für alle, die mehr aus ihren Radschuhen holen wollen – ob Rennrad, Gravel oder E-Bike.
Wozu überhaupt ein Radschuh?
Jeder Schuh wird für seine Kategorie entwickelt. Ein Laufschuh ist aufs Abrollen ausgelegt – flexibel und dämpfend. Ein Radschuh ist das Gegenteil: Der Fuß steht statisch auf dem Pedal, deshalb zählen Steifigkeit und Stabilität der Sohle. So kommt die Kraft verlustfrei aufs Pedal, und der Fuß bekommt Halt.
Wer die falsche Wahl trifft, merkt das schnell: Auf langen Strecken drücken schlecht sitzende Schuhe, die Einlegesohle passt nicht, und irgendwann sind die Schmerzen stärker als der Wunsch nach guter Kraftübertragung. Wer dann auf Sneaker umsteigt, verliert spürbar an Effizienz. Die Lösung liegt nicht im Wechsel weg vom Radschuh, sondern im richtigen Radschuh.
Keine Angst vor Klickpedalen
Viele scheuen sich vor Radschuhen mit Klickpedalen – aus Angst, nicht rechtzeitig herauszukommen. Jörgs Rat: keine Angst, aber auch keine Hauruck-Aktionen. Niemand sollte mit einem brandneuen Pedalsystem gleich auf große Tour gehen.
Ein Radschuh muss nicht zwingend ein Klickschuh sein. Es gibt auch Modelle mit steiferer Sohle für Flatpedals. Wichtig: Lass dich von Kategorien nicht einschränken. Wo „Mountainbike" draufsteht, kann auch Gravel oder sogar Rennrad drinstecken. Entscheidend ist nicht das Fahrrad, sondern der Einsatzzweck – und dein Fuß.
So gewöhnst du dich an Klickpedale
Ein praktischer Einstieg, Schritt für Schritt: Besorg dir ein Hybridpedal – eine Seite Klickmechanismus, die andere Seite flach. Stell den Auslösemechanismus so locker wie möglich ein. Übe zuerst im Trockenen das Ein- und Ausklicken, am besten an einer Hauswand oder einem Treppengeländer.
Klick dich anfangs nur auf einer Seite ein – der „Schokoladenseite", mit der du dich sicher fühlst. Erst wenn das sitzt, wechselst du zur anderen Seite. Beide Seiten gleichzeitig kommen ganz zum Schluss, wenn der Kopf die Bewegung automatisch macht. Irgendwann denkst du gar nicht mehr darüber nach.
Wie finde ich den richtigen Radschuh?
Die entscheidende Frage ist nicht, welches Fahrrad du fährst, sondern: Was für Füße hast du? Im Laden fünf Schuhkartons durchzuprobieren und zu fragen „passen die?" führt selten zum Ziel – woher soll der Kunde das wissen?
Ein wichtiger Punkt sind die Leisten. Ein Leisten ist die Form, nach der ein Schuh gebaut wird – früher ein Holzteil in Fußform, heute anders gefertigt, aber dasselbe Prinzip. Die Radschuh-Industrie hat ihre Wurzeln in Italien. Viele Modelle wurden ursprünglich für eher schmale Füße gebaut – das prägt die Passform bis heute. Lake bietet allein 13 verschiedene Leisten an, viele andere Hersteller nur zwei.
85 bis 90 Prozent aller Radschuhe sind zu eng
Das ist die zentrale Aussage der Folge: Die meisten Radschuhe passen nicht, weil sie zu schmal sind. Schätzungsweise 85 bis 90 Prozent. Der Grund liegt in der Evolution – fast alle Menschen haben heute breitere Vorfüße als früher. Je nördlicher die Region, desto breiter tendenziell der Fuß.
Verstärkt wird der Trend durch Barfußschuhe und breitere Alltags-Sneaker. Breite Füße sind längst kein Einzelproblem mehr, sondern betreffen fast alle.
Woher kommt Lake?
Lake stammt aus den USA, die Idee ist rund 45 Jahre alt, gegründet wurde die Firma vor etwa 43 Jahren. Gründer Lee importierte ursprünglich italienische Räder und Komponenten – etwa Colnago – in die USA. Wie so oft begann alles in einer Garage.
Der entscheidende Moment: Beim Wechsel von der Leder- zur Kunststoffsohle fehlte plötzlich die Einlage. Bei einem Besuch in Italien empfahlen ihm die Hersteller, doch gleich seine eigene Schuhfirma zu gründen. Auf dem Rückweg fasste er den Entschluss. Der Name Lake bezieht sich auf den Lake Michigan – Entwicklung und Design sitzen bis heute in Chicago.
Was zeichnet einen Lake-Schuh aus?
In erster Linie die Passform. Auf die Frage „Was kosten die Schuhe?" antwortet Jörg gern: „Das weiß ich noch nicht, ich kenne deine Füße noch nicht." Verschiedene Leisten, verschiedene Breiten, viele Modelle in halben Größen. Man kann sogar zwei verschiedene Schuhgrößen bestellen – rechts 47, links 45, einer breit, einer schmal.
Dazu kommen hochwertige Materialien: gern Känguru-Leder, aber auch deutsches Rindsleder. Für den veganen Bereich gibt es lederähnliche Kunstmaterialien.
Schmerzen, Taubheit, eingeschlafene Füße – liegt es am Schuh?
Knieschmerzen, Rückenschmerzen, taube Füße: Oft wird übersehen, dass die Ursache im Schuh liegen kann. Alles fängt im Fuß an – er ist der wichtigste Kontaktpunkt, egal ob beim Laufen oder Radfahren.
Ein einfacher Selbsttest: Nimm die Sohlen aus deinen Radschuhen, stell dich mit dem Fuß darauf. Wenn du die Sohle rundherum noch sehen kannst, passt die Breite. Verschwindet die Sohle unter dem Fuß, ist der Schuh zu schmal. Jörgs Standardfrage an Kunden: „Wie viele Zehen hast du?" – „Fünf." – „Ich sehe aber nur drei." Im Schuh sieht man das Problem nicht mehr.
Die richtige Position der Pedalplatte (Cleat)
Die optimale Druckstelle ist der Mittelfußknochen – die Pedalplatte sollte so sitzen, dass der Mittelfußknochen über der Pedalachse steht. Diese Einstellung macht man am besten beim Profi.
Ein häufiger Fehler entsteht beim Schuhkauf: Wenn der Schuh drückt, kaufen viele eine oder zwei Nummern größer. Dadurch wird der Schuh länger, aber nicht breiter – und die Pedalplatte rutscht zu weit nach hinten. Die Folge sind unzureichende Kraftübertragung und massive Knieprobleme. Faustregel: Wer kurz nach einer Veränderung am Schuh Knieschmerzen bekommt, kann fast sicher sein, dass es an der Einstellung liegt.
Warum taube und brennende Füße entstehen
In unseren Füßen verlaufen Blutgefäße. Ein zu enger Schuh schnürt sie ab – die Folge sind Taubheit oder brennende Schmerzen. Tipp: Radschuhe am Nachmittag anprobieren, wenn die Füße ihr größeres Volumen haben.
Die Schmerzen kommen oft schleichend, abhängig von Leistung und Wärme. Bei Hitze wird das Problem meist schlimmer – ein Grund, warum es auf langen Sommertouren besonders auftritt.
Steife Sohle, Carbon und der Halt in der Ferse
Beim Radfahren steht der Fuß statisch im Schuh, es gibt keine Abrollbewegung. Die meiste Kraft soll auf den Vorfuß. Eine steife Carbonsohle überträgt diese Kraft hervorragend. Aber: Steht der breite Vorfuß im zu engen Schuh und zwei, drei Zehen „in der Luft", kommt die Kraft trotz teurem Schuh und bestem Pedalsystem nicht auf die Straße. Wenn der Radschuh nicht passt, hilft auch der teuerste Carbonrahmen nichts.
Die Ferse spielt für die Bewegung eine kleinere Rolle, sorgt aber für Halt. Manche Modelle haben eine thermoverformbare Ferse: Sie lässt sich an den individuellen Fuß anpassen, um Halt zu geben und etwa die Achillessehne zu entlasten.
Einlegesohlen und das Fußgewölbe
Voraussetzung für eine gute Sohlenversorgung ist erst einmal ein passender, breiter genug geschnittener Schuh. In einen zu engen Schuh zusätzlich eine Sohle zu packen, kann das Problem sogar verstärken.
Ein einfacher Selbsttest: Mach eine einbeinige Kniebeuge und schau, ob der Fuß nach innen wegkippt. Wenn ja, lässt sich das oft mit einer Sohle am Fußgewölbe unterstützen. Ein Bikefitter kann mit Messtechnik sogar während des Pedalierens im Schuh messen, wo Hotspots entstehen. Bei komplexen Fällen empfiehlt Jörg den Gang zum Orthopäden – mit der ausdrücklichen Bitte um eine Sohle für den Radbereich, denn eine Laufsohle funktioniert im Radschuh nicht.
Wichtig: Nicht jede Einlage passt perfekt. Eine zu stark stützende Sohle kann das Fußgewölbe zu sehr anheben und neue Schmerzen verursachen. Es geht ums Unterstützen, nicht ums Verformen des Körpers.
Der BOA-Verschluss und der hohe Rist
Bei einem hohen Rist sind zwei BOA-Verschlüsse ein echter Vorteil: Man kann oben weniger und unten mehr Spannung geben und den Druck schön verteilen. Ein einzelner Verschluss zwingt oft dazu, oben so stark zuzudrehen, dass die Blutzufuhr leidet.
BOA kommt aus den USA und gibt lebenslange Garantie auf Verschlüsse und Seile. Die Europazentrale sitzt in Österreich am Mondsee. Bei einem Problem genügt eine E-Mail an den Support – die Ersatzteile kommen kostenlos innerhalb weniger Tage.
Braucht man als E-Bike-Fahrer Radschuhe?
Zwingend nicht – das E-Bike fährt auch so. Aber Studien (über 50.000 Datensätze zur Sitzposition auf dem E-Bike) zeigen: Auch hier ist eine feste Sohle wichtig. Man muss schließlich treten und braucht eine vernünftige Position. Es muss kein reiner Radschuh sein, aber eine festere Laufsohle hilft. Bei Lake bieten die MX-Modelle diese Möglichkeit, teils auch ohne Klickverbindung dank einer Abdeckkappe für die Cleat-Öffnung.
Spezialfälle: Hallux, abstehende Zehen, breite Füße
Lake hat viele Speziallösungen. Das Modell 242 etwa nutzt ein Mesh-Material mit getrennter Schnürung, in dem sich auch ein Hallux oder eine abstehende Kleinzehe unterbringen lässt. „Es gibt keine schlimmen Füße, es gibt nur besondere Füße."
Frauenmodelle und das Thema Schuhgröße
Lake hat Frauenmodelle im Programm, vor allem in kleineren Größen. Aber auch hier verschiebt sich der Trend: Frauenfüße werden größer. Die alte Annahme „36 bis 38" stimmt längst nicht mehr – auch ein 41er oder 42er ist völlig normal.
Wichtig zu wissen: Schuhgrößen sind nicht vergleichbar. In der Größenformel steckt eine Variable, die jeder Hersteller anders nutzt. Wer normalerweise eine 39 trägt und plötzlich eine 41 bekommt, muss sich nicht wundern – bei Lake wird das einfach anders ausgelegt.
Woran merke ich, dass der Schuh passt?
Am Wohlfühlen. „Der ist ja wie ein Pantoffel" ist für Jörg das schönste Kompliment. Wer jahrelang in einem zu engen Schuh gefahren ist, dem kann ein richtig passender Schuh anfangs fast zu groß vorkommen – der Kopf muss sich erst umstellen. Die zweite Voraussetzung ist jemand, der Halt und Sitz kontrolliert – zum Beispiel im Bikefitting.
Welcher Schuh für Einsteiger?
Es muss nicht gleich Carbon sein. Das Wichtigste ist immer der passende Schuh, unabhängig vom Material. Lake bietet Schuhe ab circa 170 Euro, die – sofern sie passen – gut funktionieren. Ein neueres Modell mit Nylonsohle und gleich zwei BOA-Verschlüssen liegt unter 200 Euro und verbindet Einstieg mit Top-Technik. Den Unterschied zwischen Nylon und Carbon merkt man erst in der Spitze.
Ein guter Schuh ist eine Investition: Bei hochwertigen Materialien hält er vier, fünf, teils sechs Jahre. Bei Reklamationen repariert ein Schuhmachermeister am Firmensitz im niederländischen Eindhoven – aus Nachhaltigkeitsgründen, denn warum zwei Schuhe wegwerfen, wenn nur einer beschädigt ist?
Das Design der Zunge
Lake verzichtet weitgehend auf die klassische Zunge, weil sie bei hohem Rist oft Druckstellen verursacht. Stattdessen wird das Material in einem Stück konstruiert, ohne zwei offene Seiten. Diese Konstruktion stammt vom Top-Modell 403 (deutlich über 500 Euro) und ist inzwischen bis in die Serie um 200 Euro eingeflossen. Bei Lake gilt: Eine Technologie kommt immer in der kompletten Serie zum Einsatz – Jörg nennt es „Bruder- und Schwestermodelle".
Wenn noch Fragen offen sind: ab in die Kommentare. Abonnieren nicht vergessen – und bis zum nächsten Mal bei Popsch & Sattel.